Kurze Geschichte der psychoaktiven Pflanzen

Psychoaktive Pflanzen und Pilze werden seit Jahrtausenden von allen Kulturen konsumiert. Sie haben die Entwicklung der Gesellschaften, wie wir sie heute kennen, in einem kaum zu überschätzenden Ausmaß geprägt. Halluzinogene wie Psilocybin, einem Produkt zahlreicher Pilzarten, wurden schon vor Tausenden von Jahren im Rahmen religiöser und spiritueller Zeremonien konsumiert. Auch das in Mittel- und Südamerika gebräuchliche Ayahuasca, das aus Pflanzen gewonnen wird, die potente Halluzinogene enthalten, wird traditionell bei spirituellen Ritualen eingenommen. Halluzinogenen Drogen wird eine erhebliche Bedeutung bei der Entwicklung polytheistischer Religionen zugeschrieben. Die monotheistischen Religionen, ab dem 13. Jahrhundert das Christentum, später auch der Islam, ächteten und kriminalisierten dann den Gebrauch von Halluzinogenen. Mit der Kolonialisierung der Welt durch diese beiden Religionen verloren Halluzinogene ihre Bedeutung für spirituelle und religiöse Zwecke.

Coca-Blätter, mit ihrem psychoaktiven Hauptbestandteil Kokain, wurden wahrscheinlich schon vor 8000 Jahren wegen dessen stimulierenden Eigenschaften von den Bewohnern Mittel- und Südamerikas gekaut. Ein Extrakt der Coca-Pflanze wurde seit 1885 der Coca-Cola zugesetzt. Nachdem das nicht unerhebliche suchterzeugende Potential von Kokain bekannt geworden war, wurde dieser Bestandteil dann jedoch 1929 wieder aus dem Getränk entfernt. Opioide werden ebenfalls schon seit etwa 5000 v. Chr. für medizinische und rituelle Zwecke in fast allen Kulturen konsumiert. Sie werden aus dem Schlafmohn gewonnen. Wegen ihrer analgetischen (schmerzstillenden) Eigenschaften haben synthetische Opiate auch in der Schulmedizin eine überragende Bedeutung.

Heute haben in allen Kulturen die sozialen „Drogen“ die größte Bedeutung. Tee und Kaffee sind die Getränke, die (nach Wasser) weltweit am zweit- bzw. dritthäufigsten konsumiert werden. Im Jahr 2010 betrug ihre Bruttoproduktion 4,5 bzw. 8 Millionen Tonnen Blätter bzw. Bohnen. Das Kaffeehaus ist als Teil der westlichen Kultur aus den Städten der Welt nicht mehr wegzudenken. Starbucks alleine verfügt über mehr als 20.000 Shops weltweit, und sein Jahresumsatz betrug 2012 mehr als 13 Milliarden US-Dollar. Auch wenn der Tabakkonsum in den Industrieländern der westlichen Welt seit Jahren abnimmt, so steigt er in den sich entwickelnden Nationen immer noch kontinuierlich. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation rauchen 1,2 Milliarden Menschen Tabak, 10% aller Todesfälle sind auf Tabakkonsum zurückzuführen, und 50% aller Raucher müssen aufgrund ihres Konsums mit einer Verkürzung ihrer Lebensspanne rechnen. Viele andere Pflanzen mit deutlich ausgeprägteren psychoaktiven Wirkungen sind als illegale Drogen in den meisten Staaten der Welt verboten, dennoch ist ihr Konsum sehr weit verbreitet. Die weltweit am häufigsten konsumierte illegale Droge, Cannabis, wurde im Jahr 2009 von 2,8 bis 4,5% aller Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren mindestens einmal konsumiert, das sind 125-203 Millionen Konsumenten in einem einzelnen Jahr. Die sehr breit in der Öffentlichkeit geführte Diskussion um die Legalisierung von Cannabis, die in vielen Bundesstaaten der USA bereits vollzogen wurde, zeigt, in welchem Umfang auch (noch) illegale Drogen Teil unserer Kultur sind. Hier entsteht ein ganz neuer Industriezweig.

Viele weniger bekannte Pflanzen und Pflanzenstoffe werden zum Teil seit Jahrtausenden in der traditionellen Medizin eingesetzt. Sie modulieren die Hirnfunktion sehr viel weniger dramatisch als die sozialen und vor allem die illegalen Drogen. Dennoch werden ihre vielfältigen Wirkungen zunehmend von der westlichen Medizin entdeckt und systematisch untersucht. Das zeigte zuletzt sehr deutlich die Verleihung des Nobelpreises für Medizin und Physiologie 2015 an die chinesische Wissenschaftlerin Youyou Tu. Sie hatte auf der Suche nach Arzneimitteln gegen die Malaria den Wirkstoff Artesiminin aus Extrakten von Artemisia annua isoliert.

Weiterführende Literatur

David O. Kennedy. Plants and the human brain. Oxford University Press, Oxford and New York, 2014